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27.01.2008 -

Lernen braucht Zeit

Rund 130 Therapeuten, Lehrer, Psychologen und Pädagogen besuchten das Symposium. Damit war die Veranstaltung mehr als ausgebucht. „Die große Nachfrage zeigt die Bedeutung des Themas, und die Qualität der hochrangigen Referenten hat natürlich auch gezogen“, erklären die beiden Organisatoren, Legasthenie-Therapeut Martin Klocke und Psycholgin Silvia Pixner. Unter anderem gaben Prof. Dr. Liane Kaufmann (Universität Innsbruck), Prof. Dr. Karin Landerl (Universität Tübingen) und Prof. Dr. Franz Petermann (Universität Bremen) einen Einblick in den aktuellen Stand der Forschung. In den Vorträgen ging es u.a. um die Diagnose von Legasthenie und der Rechenschwäche Dyskalkulie, Qualitätsstandards bei der LRS-Ausbildung und Rechenschwierigkeiten von ADHS-Schülern. Bei Workshops führten Praktiker in das therapeutische Vorgehen ein.
Prominentester Redner war Prof. Dr. Gerd Schulte-Körne, der als Leiter der Münchner Universitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie die neurophysiologischen Ursachen von Lernstörungen erforscht. Für die Zunahme der Lernstörungen hat er eine einfache Erklärung: „Durch verbesserte Untersuchungs- und Testmöglichkeiten können wir heute eher feststellen, woran es hapert, wenn schulische Schwierigkeiten auftreten und stellen dementsprechend mehr Diagnosen“.
Die steigende Zahl von lerngestörten Schülern ist jedoch nur zum Teil das Ergebnis der besseren Diagnostik. Eine andere Ursache sehen Experten in falschen didaktischen Unterrichtsmethoden. Vor allem das phonologische Schreiben – das „Schreiben nach Gehör“ -, das die Grundschulen seit einigen Jahren praktizieren, wird von Wissenschaftlern kritisch gesehen. Eine Studie in Hessen hat gezeigt, dass das „Schreibenlernen“ ohne Beachtung der Rechtschreibung die Wahrscheinlichkeit einer Leserechtschreibstörung (LRS) erhöht - gerade auch bei genetisch vorbelasteten Schülern. Diese Erkenntnisse sind nicht neu, werden aber nicht in der schulischen Unterrichtspraxis beachtet. „Die aktuellen Unterrichtsmethoden sollten unbedingt auf den Prüfstand“, so Prof. Dr. Schulte-Körne.
Nicht nur Leseflüssigkeit und Rechtschreibung bereiten Schülern Probleme, auch im Matheunterricht hat die so genannte Dyskalkulie dramatische Folgen. Erkennbar wird eine mathematische Lernstörung nicht nur durch eine mangelhafte Erfassung von Zahlengrößen, sondern auch an einer schlechten Synchronisation beim Abzählen zwischen Augen- und Fingerbewegung und dem Zählen selbst. Von Logopäden wird in der Praxis deshalb viel mit Sortierübungen und Abzählversen gearbeitet. „Lerninhalte müssen Zeit und Raum bekommen, um reifen und sich setzen zu können“, so die Logopädin Susanne Galonska. „Außerdem müssen die Kinder Material bekommen, mit dem sie sich die Prinzipien selbst erarbeiten können“. Beides ist an den meisten normalen staatlichen Schulen jedoch Mangelware. Dabei können Schüler mit Lernstörungen durch intensives individuelles Training sogar weiterführende Schulen besuchen und gute Schulabschlüsse schaffen. Ein Beispiel ist der 20-jährige Legastheniker Lukas. Nach dem klassischen Leidensweg in den ersten Schuljahren, in denen er bei Diktaten oft 40 von 50 Wörtern falsch geschrieben hat, kam er wegen seiner Asthmaerkrankung ins CJD Asthmazentrum Berchtesgaden. Dort wurde seine Legasthenie erstmals richtig erkannt. „Für mich war das eine große Erleichterung“, so Lukas heute, „vorher hatte ich immer nur gedacht, ich wäre einfach zu dumm“. Nach der Diagnose begann eine intensive Förderung in der Schule des Rehabilitationszentrums. Dort gibt es mit speziellen Förderlehrkräften und einem umfassenden Betreuungs- und Trainingskonzept sehr viel bessere Voraussetzungen als an staatlichen Schulen. Für Lukas ein Glücksfall: Er konnte die M10 absolvieren und hat heute sogar die Mittlere Reife in der Tasche. Ein Beispiel, was alles möglich ist, wenn Therapeuten, Lehrer, Psychologen und Pädagogen mit ausreichender Zeit zu Verfügung stehen, um Kinder und Jugendliche zu fördern.
Wegen der großen Nachfrage werden am 19. April im CJD Asthmazentrum Berchtesgaden die Symposiums-Workshops wiederholt. Weitere Informationen gibt es unter der Telefonnummer 08652 6000-167 und im Internet unter www.cjd-jugendakademie.de.




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Eduard Goßner

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